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01. 07. 2019

Frank Menz im Interview: Positiv, fokussiert und mit einer großen Portion Leidenschaft

Am 29. Mai 2019 präsentierte Science City Jena mit Ex-Bundestrainer Frank Menz den ersten wegweisenden Neuzugang des Sommers. Während der 55-Jährige seitdem die Geschicke der Saalestädter in Personalunion als Sportdirektor und Cheftrainer leitet, sind mittlerweile gut vier Wochen vergangen. Grund genug, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen, bevor sich bis zum Vorbereitungsstart Anfang August, der Großteil des Teams gefunden haben wird.

Du bist nach dem zurückliegenden Spieljahr aus Braunschweig ohne Unterbrechung nach Jena gewechselt. Bleibt bei der Zusammenstellung des neuen Kaders sowie der Strukturierung des Vereins überhaupt die Möglichkeit Urlaub zu machen?

Nach einer zehnmonatigen Saison und den Playoffs mit Braunschweig war der Übergang praktisch fließend. Insofern blieb bislang noch nicht wirklich viel Zeit, um tatsächlich einmal durchzuatmen. Es stehen ja auch noch genügend Entscheidungen an, die große Priorität genießen. Diesbezüglich befinden wir uns aber auf einem guten Kurs. Um tatsächlich Urlaub machen zu können oder auszuspannen, werde ich ganz sicher noch warten müssen.

Du warst bereits zwischen 2002 bis 2006 Cheftrainer in Jena. Wie fühlt es sich an, wieder heimzukommen und in der Heimat arbeiten zu können?

Sehr, sehr gut. Aufgrund meiner Jenaer Wurzeln und des Lebensmittelpunktes, gemeinsam mit meiner Familie, hat es der Zufall gut mit uns gemeint. Meine Entscheidung, den Vertrag in Braunschweig nicht zu verlängern, stand ja schon deutlich länger fest. Insofern war es eine glückliche Fügung, wieder zu Hause wohnen zu können, die Familie um sich zu haben und vor Ort arbeiten zu können. Dieser private Aspekt, verbunden mit der Position in einem sehr gut aufgestellten Programm, machen viele Dinge etwas einfacher.

Wie hast Du im Lauf der Zeit die Entwicklung des Jenaer Basketballs wahrgenommen?

Nach meinem Wechsel zum DBB im Sommer 2006 hat sich unglaublich viel verändert. Der Umzug von Lobeda-West in die Sparkassen-Arena nach Burgau, die neu errichtete Trainingshalle, der Ausbau der sportärztlichen und sporttherapeutischen Betreuung, die Zusammenarbeit mit dem Sportgymnasium, das sind in Summe viele wichtige Faktoren, die für Science City und eine positive Zukunft sprechen. Der Standort verfügt über enormes Potential.

Neben der Position des Cheftrainers gibt es für Dich auch als Sportdirektor alle Hände voll zu tun. Worauf richtet sich derzeit Dein Hauptaugenmerk?

Der Fokus liegt derzeit natürlich auf der Zusammenstellung des Profi-Kaders. Darüber hinaus geht es darum, die Strukturen im Science City e.V. zu analysieren, zum Teil neu zu organisieren und vorhandenene Kompetenzen zielgerichtet zu kanalisieren, um noch effektiver arbeiten zu können. Wir werden das Rad nicht neu erfinden, aber doch an einigen Schrauben drehen. Ich habe mir einen ersten Eindruck bei unseren Nachwuchs-Teams machen können, die in der letzten Saison sportlich sehr erfolgreich waren. Mit Blick auf unsere 2. Mannschaft, die perspektivisch in die ProB aufsteigen soll, ist auch da viel Einsatz gefragt. Unser Unterbau ist enorm wichtig für die geplante Entwicklung des gesamten Programms.

Die ProA startet Mitte September 2019 in das neue Spieljahr. Gibt es schon eine erste halbwegs konkrete Planung der Saisonvorbereitung, auch mit Blick auf den Kader?

Ich plane gerade das Trainingslager und unsere Testspiele, kümmere mich parallel dazu bei der Spieler-Akquise ausnahmslos um deutsche Akteure. Welche Spieler passen in unser zukünftiges Gerüst? Mit wem können und sollten wir auch längerfristig planen? Diese Phase könnte in den nächsten beiden Wochen abgeschlossen sein. Hier steht neben der Verlängerung von Oliver Mackeldanz noch ein deutscher Point Guard im Fokus. Erst danach geht es um die Positionen, die von Ausländern besetzt werden sollen. Aktuell machen wir uns da aber gar keinen Druck. Erst wenn unser Fundament steht, werden wir uns auf die zwei, drei Jungs konzentrieren, die keine Deutschland-Flagge auf dem Trikot haben.

Vertraust Du bei der Sichtung des riesigen Marktes von Legionären auf externe Hilfe oder schaust Du selbst welche Jungs in den Kader passen könnten?

Primär liegen Scouting und Recruiting auf meinem Schreibtisch. Natürlich schaue ich mir selbst zahlreiche Spieler an, die sportlich zu unserem Kader passen könnten, erhalte zudem listenweise Angebote von Agenten, die ihre Jungs in Europa unterbringen wollen. Da sitzt man schon mal häufiger bis tief in die Nacht. Parallel dazu vertraue ich auf die Erfahrung eines ehemaligen NBA-Scouts aus Chicago, der die Kandidaten, die es in den engeren Kreis geschafft haben, auf ihre soziale Kompetenzen prüft. Der Charakter spielt eine wichtige Rolle, da wir als Team funktionieren müssen. Gute Teamchemie ist enorm wichtig, um eine positive Dynamik zu entwickeln. Deshalb achte ich bei Verpflichtungen auf die Körpersprache der Jungs. Feuern Sie Ihre Mitspieler nach einer Auswechslung auch von der Bank aus an oder haben sie dann eher mit sich selbst zu tun?

Mit welcher Einstellung werden Deine Spieler für Science City auflaufen?

Wir haben die bisher unter Vertrag stehenden Spieler unter Berücksichtigung ihrer sportlichen Qualität unter Vertrag genommen, aber auch sorgsam darauf geachtet, dass sie menschlich in unser Konzept passen. Es geht darum positiv, fokussiert und mit einer großen Portion Leidenschaft aufzulaufen. Mit Schiedsrichtern zu diskutieren oder zu lamentieren hilft uns im Spiel nicht weiter. Wenn es etwas mit den Unparteiischen zu besprechen gibt, ist das in erster Linie mein Job. Wir möchten das Publikum mitnehmen, die Zuschauer nach unseren Auftritten mit einem guten Gefühl aus der Arena verabschieden und die Identifikation zwischen Fans und Mannschaft stärken.

Welche Ambitionen hat Science City Jena in der kommenden Saison?

Die Zielrichtung der nächsten Spielzeit ist klar umrissen, ohne sich auf eine Platzierung festnageln lassen zu wollen. Die Jungs sollen kämpfen, intensiv verteidigen und nach vorn mit Tempo-Basketball überzeugen. Wir wollen als geschlossene Einheit so erfolgreich wie möglich spielen und die Fans von Beginn an mitnehmen. Wie lang unsere Reise dauert werden wir sehen. In jeder Sportart geht es schlussendlich immer darum, das letzte Spiel der Saison zu gewinnen. Momentan warten wir erst einmal die endgültige Zusammensetzung der Liga ab. Science City wird ganz sicher nicht der einzige Club sein, der mit sportlich ambitionierten Zielen in das nächste Spieljahr gehen wird. Chemnitz ist in der zurückliegenden Saison nur hauchdünn am Aufstieg gescheitert, Tübingen wird sich deutlich stärker präsentieren wollen. Dazu kommen noch vier, fünf andere Konkurrenten. Die ProA hat sich im Verlauf der letzten Jahre zu einer sehr starken Liga entwickelt, in der vorab Dinge nur bedingt planbar sind. Wir wollen erst einmal in die Playoffs kommen. Ab da ist alles möglich.