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12. 07. 2019

Interview mit Johannes Voigtmann - Aus Jena über Frankfurt und das Baskenland nach Moskau

Er ist der heißeste Thüringer Basketball-Export der Neuzeit und wird in der nächsten Saison für Euroleague-Champion ZSKA Moskau auflaufen. Der Ex-Jenaer Johannes Voigtmann hat trotz seines relativ jungen Alters von erst 26 Jahren bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich, darf mit Spannung auf die vor ihm liegende Zeit in Russland blicken. Während auf ihn und das Team der Deutschen Nationalmannschaft zunächst noch Ende August die Basketball-WM 2019 in China wartet, weilte der gebürtige Eisenacher zuletzt zu einem PR-Termin in Jena. Grund genug, den sympathischen Hünen zu seiner Zeit in Spanien, seinem Heimatclub Science City Jena sowie zur Herausforderung in Moskau zu befragen.

Im Umzugsstress zwischen Baskenland und Moskau. Wann fiel deine Entscheidung, zum besten Team Europas zu wechseln?

Die eigentliche Entscheidung ist schon etwas her und fiel vor der finalen Unterschrift. Das ist schon ein sehr großer Schritt, nicht nur was den Basketball betrifft, sondern auch mit Blick auf den Alltag. Wir haben diese Option in unserer Familie vorab natürlich gemeinschaftlich besprochen und uns dann für diesen Schritt entschieden.

Es gab nach Tryouts in den letzten Wochen auch die Option in die NBA zu wechseln. Washington oder Brooklyn hatten starkes Interesse. Warum hast du dich letztendlich für Moskau entschieden?

Ich habe mich gegen die NBA entschieden, weil meine Rolle nicht klar gewesen wäre. Ich hätte sicher auch Lust auf die NBA gehabt. In den Gesprächen mit den Verantwortlichen war großes Interesse von Seiten der Clubs vorhanden. Aber nur um am Ende sagen zu können 'ich spiele NBA', hätte ein Wechsel keinen Sinn ergeben. Zudem konnte ich mich im Vorfeld auch mit ein paar Jungs aus der Nationalmannschaft unterhalten, die in den USA spielen und bereits ihre Erfahrungen gemacht haben. Ich wollte so viele Meinungen wie möglich einholen, um mir ein aussagekräftiges Gesamtbild zu machen.

Du bist im letzten Sommer in der ACB mit Baskonia spanischer Vizemeister geworden. Schaut man trotz solcher Erfolge noch mit einem Auge auf seine ehemaligen Clubs? Hast du die Saison von Science City Jena verfolgt?

Natürlich verfolge ich meine Ex-Teams regelmäßig im Internet oder bei Übertragungen. Für Jena war der Abstieg natürlich schon ziemlich bitter. Andererseits birgt so eine Saison und die damit verbundene neue Ausgangssituation die Chance, in der Zukunft wieder einen Schritt nach vorn zu machen, auch wenn es im ersten Moment vielleicht nicht immer so aussehen mag. Ich denke, dass sich Science City aktuell auf einem guten Weg befindet.

Verfolgst du die Spiele im Ausland auch am Fernseher oder legst du eher die Beine hoch und liest im Internet?

Ich kann ja die Spiele anschauen und die Beine trotzdem hochlegen (lacht). Magenta Sport funktioniert auch in Spanien sehr gut und da gucke ich hin und wieder schon mal rein. Das letzte Duell von Science City, dass ich mir angeschaut habe, war ein richtig gutes. Ich glaube, das Jena gegen ALBA Berlin gespielt hat, was letztendlich nur sehr knapp verloren ging. Manchmal komme ich nach Hause und habe eine halbe Stunde Zeit. Dann schaue ich mir ab und zu die erste Halbzeit an und der Rest kommt später.

Du hast jetzt drei Jahre in Spanien gespielt, wechselst zum Euroleague-Champion ZSKA Moskau. Wie schätzt du die Qualität beider Ligen ein.

Ich denke schon, dass die ACB in der Breite stärker ist. Dafür hat die russische Liga in der Spitze schon enorm viel Qualität. Die Liga ist nicht ganz so groß. Dass Spanien im Gesamtvergleich aber die bessere Liga ist, darüber brauchen wir uns, glaube ich, nicht zu unterhalten.

Du wechselst zum amtierenden Euroleage-Champion, dem besten Team Europas. Wie groß wird diese Herausforderung für dich in Moskau sein?
Die wird, passend zu unserem Sport, riesig sein. Wenn du keine Titel gewinnst, ist es ein verlorenes Jahr. ZSKA ist 17 Mal hintereinander russischer Meister geworden. Noch beeindruckender klingt, dass Moskau in 16 der 17 letzten Jahre ins Euroleague Final Four einziehen konnte. Das ist ein unglaublicher Wert, der zeigt, dass in dem Club alles auf Siege und Titel ausgerichtet ist. Du musst mit dem Druck umgehen können, spielst an der Seite herausragender Basketballer und findest enorm professionelle Strukturen vor. ZSKA ist noch einmal eine Steigerung zu allem, was ich bislang erlebt habe, obwohl Baskonia schon zu den spanischen Topclubs zählt.

Hast Du dich mit dem Thema Moskau schon intensiver beschäftigt oder war da noch keine Zeit? Die Stadt, die Sprache, die Schrift, die Gegebenheiten vor Ort?

Ich kenne bislang eher wenig, in erster Linie durch Erzählungen. Meine Tante hat in Moskau studiert und natürlich habe ich mich vorab über ein paar Dinge informiert. Du hast sechs Monate Winter, mit Schnee und Kälte. Was mir da als erstes durch den Kopf gegangen ist, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach weiße Weihnachten feiern werden können (lacht). Die Stadt ist riesig und du kannst viel unternehmen, wenn nicht gerade Schneesturm herrscht.

… Deine Frau Amrei freut sich schon auf die Abende am Kamin?

Ja, genau (lacht). Der Alltag könnte vielleicht ein wenig anstrengender werden. In Vitoria (Vitoria-Gasteiz, die Heimat seines Ex-Clubs Baskonia) hatten wir ein Haus im Grünen. Es war alles super einfach. Die Herausforderung in einer solchen Metropole dürfte deutlich spannender und größer werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir auch unser Familienleben in Moskau in den Griff bekommen und der Alltag ab einem bestimmten Zeitpunkt routiniert läuft.

Hattest du Russisch in der Schule oder kennst zumindest die Vokabel „Dostoprimetschatelnosti“?

In der Schule hatte ich kein Russisch mehr, weiß aber von meiner Oma, was das Wort bedeutet: Sehenswürdigkeiten (lacht). Meine Tante spricht die Sprache hingegen fließend.

Ist von deiner Seite ein Sprachkurs geplant?

Ich habe diesbezüglich erst einmal noch nichts geplant. In Spanien war die Landessprache unverzichtbar, da nur wirklich wenige Leute englisch gesprochen haben, im täglichen Leben und im Verein vorwiegend spanisch gesprochen wurde. Das ganze Gegenteil zu ZSKA, wo alle mit denen ich mich bisher unterhalten habe, perfekt englisch sprachen. Wenn, dürfte die russische Sprache bei mir mit zunehmender Zeit über 'learning by doing' ankommen. Ein Grundgerüst mit ein paar wichtigen Vokabeln sind da sicher von Vorteil.

Wie ist es für Dich nach Jena „heimzukommen“?

Ich bin sehr gern in Jena und versuche so oft wie möglich herzukommen. Jetzt bin ich zum zweiten Mal in den letzten vier Wochen vor Ort. Insgesamt bleibt aber leider viel zu wenig Zeit für einen längeren Aufenthalt.

Du bist Fan von Dynamo Dresden. Welche Strecke wäre für dich kürzer ins Rudolf-Harbig-Stadion? Aus Richtung Vitoria-Gasteiz oder aus Moskau?

Das dürfte so ziemlich genau in der Mitte liegen, wobei Moskau verkehrstechnisch deutlich besser angebunden ist.

ZSKA hat eine lange Vergangenheit als Armeesportclub. Beschäftigst Du dich als Sportler mit solchen Hintergründen?

Das Siegel 'ZSKA' ist mittlerweile eher Marke als Gesinnungsethik, so wie bei Dynamo Dresden auch. Natürlich beschäftigt man sich unabhängig davon mit der Vergangenheit des Clubs. Diese spielt letztendlich aber eine nur untergeordnete Rolle. Wenn das ein ausschlaggebender Grund sein sollte, würden auch andere Clubs durch das Raster fallen. Die Vizepräsidentin hatte mir bei meinem Moskaubesuch erklärt, dass ZSKA ein Militärclub war, seit über 20 Jahren allerdings nur noch den eingetragenen Markennamen hält.

Wie hat Deine Frau den Umzug von Spanien nach Moskau aufgenommen?

Sie war noch nicht vor Ort und wird im Herbst das erste Mal nach Moskau reisen. Ich denke schon, dass der Umzug aus einer malerischen Kleinstadt im Baskenland hin in eine Metropole wie Moskau so etwas wie ein Kulturschock sein dürfte. Als ich das Thema des Wechsels in Familie oder im engeren Bekanntenkreis erwähnt habe, kam immer erst eine erstaunte und fragende Reaktion. Das betrifft in erster Linie gar nicht den Verein, sondern die Größe der Stadt.

Wie ausschlaggebend war der Faktor Gehalt bei deinem Wechsel?

Ich sag es mal so: Es gab auch andere europäische Angebote, die finanziell nicht weit vom Moskauer Angebot entfernt lagen. Natürlich ist Geld immer ein wichtiges Argument, für mich aber nicht der einzige ausschlaggebende Faktor. In unserer Welt geht es primär um Unabhängigkeit und Sicherheit für die Familie. Gerade als großer Spieler kann dich eine Verletzung schnell aus der Bahn werfen. Dann bleibt von dem sowieso schon sehr eng gesetzten Zeitraum, mit Profisport Geld zu verdienen, noch weniger übrig. Wenn man schon 100 Mio auf der hohen Kante liegen hat, ist das sicher etwas komplett anderes. Dann könnte man unabhängig vom Kontostand entscheiden, was man macht und welche Herausforderung man annehmen möchte. Jeder, der ein finanziell gut dotiertes Angebot vorliegen hat, bezieht diesen Aspekt bei seinen Überlegungen mit ein. Geld spielte mit Sicherheit bei Entscheidung eine wichtige Rolle, jedoch nicht so eine große, um nach China zu wechseln.

Mit welcher Zielstellung startest du mit ZSKA in die nächste Saison?

Moskau kommt aus einer Saison, in der sie das Titel-Triple geholt haben. Die Erwartungen werden riesengroß sein. Die Euroleague im zweiten aufeinanderfolgenden Jahr zu gewinnen, wäre natürlich ein unglaublicher Erfolg. Die Euroleague überhaupt einmal zu gewinnen, ist schon so verdammt schwer.

Du wärst nach Patrick Femerling mit Barcelona (2003) und Michael Koch mit Panathinaikos Athen (2000) erst der dritte deutsche Spieler, der die europäische Krone des Vereinsbasketballs erringen könnte.

Das wird nicht nur für mich, sondern auch für den Club die Zielstellung sein. Da brauchen wir sicher auch kein gesondertes Team-Meeting, um das noch einmal klarzustellen. Persönlich geht es für mich nicht darum, der dritte deutsche Euroleague-Sieger zu werden, sondern mich im Kader möglichst schnell zu integrieren, eine gute Rolle zu spielen und der Mannschaft mit meinen Stärken dort zu helfen, wo sie es benötigt. Der Rest wird sich finden.

Du spielst für einen Big Man überdurchschnittlich viele Assists. Ist das Talent oder Training?

Ich habe schon immer mannschaftsdienlich gespielt. Das war bereits im Handball so und hat sich sportartenübergreifend im Basketball fortgesetzt. Es geht ums Auge, um die Fähigkeit zu passen, aber auch ums Wollen. Ein Assist macht immer zwei Spieler glücklich - den Vorlagengeber und den, der trifft. Das habe ich früher immer gesagt. Wenn du willig bist zu passen, machst du dein Team noch einmal ein, zwei Stufen gefährlicher, weil sich der Gegner nicht auf dich einstellen kann.

Hängt dir der Sommer 2018 noch nach, als ihr die Serie im ACB-Finale gegen Real Madrid nur knapp verloren habt oder überwiegt der Stolz über Silber?

Rückblickend ist es schon bitter. Baskonia hat lange keinen Titel mehr geholt. Noch mehr schmerzen aber die diesjährigen Playoffs gegen Saragossa, in denen wir früh ausgeschieden sind und, aus für mich auch jetzt noch unerklärlichen Gründen, chancenlos waren. Unser Team war eigentlich auf jeder Position besser besetzt. Insofern hätten wir diese Saison sicher auch eine gute Möglichkeit im Titelrennen gehabt, konnten die vorhandene Qualität aber nicht aufs Parkett bekommen.

Ende August geht es für die deutsche Nationalmannschaft in China um ein sportlich erfolgreiches Abschneiden bei der Basketball-Weltmeisterschaft 2019. Wie ordnest Du eure Chancen ein?

Ich würde natürlich liebend gern mit einer Medaille um den Hals nach Hause fliegen, aber das wird sicher nicht ganz so einfach. Unser Team verfügt mit Blick auf die Qualitäten über einen individuell sehr starken Kader. Ob wir so weit kommen werden, um einen ähnlichen Erfolg wie bei der WM 2002 feiern zu können, wird man sehen. Das Team, das in Indianapolis Bronze erringen konnte, hatte schließlich Dirk (Nowitzki) mit an Bord.