Skip to main content
14. 06. 2021

Domenik Reinboth im Interview: Es ist wichtig, immer den Finger auf den Puls zu legen

In der vergangenen Woche fiel die Entscheidung des neuen Cheftrainers von Science City Jena auf Domenik Reinboth. Während die Thüringer mit dem 38-Jährigen in ihre sportliche Zukunft starten, baten wir ihn anschließend zum Interview. Im Gespräch gewährte der gebürtige Düsseldorfer Einblicke auf seine bisherige Karriere sowie die vor ihm liegende Arbeit.

Domenik, wann und wie bist Du zum Basketball gekommen?

Ich war ungefähr neun Jahre alt, als ich mich für Basketball zu interessieren begann. Hauptsächlich lag es an meinem fünfeinhalb Jahre älteren Bruder Dennis. Das war so Anfang 1992, als Basketball in Deutschland noch gar nicht so richtig angekommen war. Wie jeder kleine Bruder wollte ich ihm nacheifern und dann kam eins zum anderen. So richtig gepackt hat es mich dann mit dem Auftritt des Dreamteams 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona. Das war, denk ich, ganz allgemein für den Basketball in Deutschland aber auch weltweit das perfekte Schaufenster für die Sportart. Es gab zu diesem Zeitpunkt ja noch kein Internet und plötzlich liefen da die ganzen NBA-Stars auf einer globalen Bühne übers Parkett. Als Deutschland 1993 die Europameisterschaft gewinnen konnte, hat dieser Erfolg dann noch einmal den Fokus geschärft.

Vor Deinem Einstieg als Coach warst du ja sicher zunächst auch als Spieler aktiv?

Genau. Ich komme aus dem Düsseldorfer Süden und da es im Verein noch keine richtige Jugendarbeit gab, musste ich immer bei den älteren Spielern mittrainieren. Die Jungs waren drei, vier Jahre älter und ich durfte mitmachen. Mitmachen bezog sich in erster Linie auf das Training allein am Seitenkorb. Auch wenn das oft frustrierend war, hab ich das drei Jahre durchgezogen, bis ich endlich spielen durfte. Ich bin meinem Heimatverein, dem Garather SV, aber auch heute noch sehr verbunden. Im Anschluss folgten Stationen in Leverkusen, Hagen und Bonn, bevor mich eine schwere Rückenverletzung rausgenommen hat. Als in der Folge immer wieder Verletzungen auftraten, hab ich entschieden, die aktive Spielerkarriere an den Nagel zu hängen und mich dem Coaching zu widmen. Auch wenn ich da erst relativ spät, mit 25, 26 begonnen hatte, ging es dann rasant vorwärts. Kurz vor Saisonbeginn übernahm ich meine vorherige Mannschaft in der 2. Regionalliga und da lief dann leider alles schief. Wir haben in dem Jahr kein Spiel gewonnen bzw. nur einmal und dieser Sieg wurde uns dann auch noch am grünen Tisch aberkannt, da ein Spieler vom Verein nicht gemeldet war. Ich will diese Erfahrung trotzdem nicht missen, weil sie mir gezeigt hat, genau darauf zu achten und abzuwägen, welche Entscheidungen sinnvoll sind. Rückblickend kam dieser Schritt zu früh. Umso gründlicher und länger habe ich mir anschließend Gedanken gemacht, bevor ich die nächsten Entscheidungen getroffen habe.

Du warst über viele Jahre in Ehingen verantwortlich. Was kannst Du aus deinen Erfahrungen für Science City einbringen?

Ich habe von der JBBL über NBBL, von der ProB und ProA, als Co-Trainer, Sportlicher Leiter und Headcoach sehr viele Aufgaben ausgefüllt und konnte sprichwörtlich von unten nach oben wertvolle Erfahrungen machen. Parallel dazu habe ich AGs und auch Camps geleitet. Ich bin sehr dankbar dafür und ziehe immer noch ganz viel daraus. Das wir den Blick in Richtung Basis konsequent nutzen und trotz der sportlichen Ambitionen den Nachwuchs mitnehmen war in Urspring so und das soll auch in Jena so sein. Wir wollen es schaffen, den Verein so aufzustellen, dass er bis nach oben hochschiebt, müssen das aber eben auch mit Augenmaß steuern.

Wie hast Du Jena als Trainer des Gegners den Standort zuvor wahrgenommen?

Ich kenne Jena ja schon aus dem Jugendbereich, kannte den Standort u.a. auch schon durch die Ex-Urspringer Julius Wolf oder Sid Marlon-Theis. Wir hatten kontinuierlich Kontakt, auch mit Björn damals, der bei meiner A-Lizenz Dozent war. Ich habe immer ein unglaubliches Potenzial gesehen, von den Trainingsmöglichkeiten, von der Infrastruktur, der Begeisterung bei den Spielen. Dennoch hatte ich auch immer das Gefühl, dass noch mehr möglich ist, was die Jugendarbeit betrifft. Das war natürlich nur der Blick von außen. Jetzt bekomme ich einen konkreteren Einblick und da ändert sich auch einiges. Ich erinnere mich natürlich auch noch gut an unser Auswärtsspiel in der Saison 2019/2020, als wir hier mit 20 Punkten in Führung lagen. Am Ende sind wir zwar als Verlierer vom Parkett gegangen, aber das sind schon erinnerungswürdige, wirklich geile Momente, wenn die Heimhalle still ist.

Es ist ein Sportrat geplant, der auch in der Kaderbesetzung mitsprechen wird. Hast Du die Befürchtung, dass es möglicherweise zu einem internen Kompetenzgerangel kommt?

Ganz klares nein. Das war so von Anfang an besprochen. Ich kenne Torsten Rothämel, hab gegen ihn ja auch schon JBBL gecoacht und konnte mich im Vorfeld natürlich auch entsprechend informieren. Ich habe nullkommanull das Gefühl, dass mir da jemand etwas vorschreiben will oder diktieren möchte, sondern dass wir für unsere angestrebten Ziele zusammenarbeiten werden. Ich bin ja erst seit kurzem hier und befinde mich in einem Lernprozess. Es ist etwas völlig anderes als wo ich herkomme. Jemanden zu haben, der so lang im Verein dabei ist und den Club so gut kennt, ist doch ein absoluter Vorteil. Selbst wenn es mal zu unterschiedlichen Meinungen kommen sollte, ist das vollkommen in Ordnung und kann das Programm weiter nach vorn bringen. Ich habe ja auch klare Kompetenzen, die bei mir liegen. Ich bin derjenige, der den Kader zusammenstellen wird, habe mit Torsten jemanden, der mir mit seinem Input hilft, weil er an einem für mich neuen Standort deutlich bessere Einblicke und Erfahrungen besitzt. Ich freue mich auf diese Zusammenarbeit und sehe das in keinster Weise als Einschränkung.

Culture City wird während der kommenden Saison in der Regionalliga antreten. Wie ist die Ausrichtung des Partners in Weimar geplant?

Zielrichtung sollte schon auch weiterhin die ProB sein und bleiben. Ich glaube aber, dass man mit einem ProA-Programm nicht zeitgleich auch in der ProB antreten muss. Wenn ein paar Spieler in der Regionalliga spielen und in der ProA mit eingebunden werden, haben sie ein super Ausbildungspaket. Wenn ich das bspw. mit Urspring vergleiche, da hatten wir keine Regio, haben unseren NBBLern dafür in der ProA mehr Spielzeit ermöglicht. Insofern ist das doch schon ein Wettbewerbsvorteil, wenn man denn Corona-bedingt auch endlich wieder spielen darf. Anders sieht es natürlich aus, wenn die erste Mannschaft in der BBL spielen sollte. Dann ist das Modell, die Top-Talente im Bundesliga-Kader zu integrieren und nur hin und wieder in der ProB einzusetzen, sicher zu managen und sinnvoll. Es geht ja letztendlich auch darum, die Spieler nicht mit dem Pensum zu überlasten.

Du hast jetzt aktuell einen Kader mit fünf Spielern. Wann willst Du dein Team fertiggestellt haben?

Wenn du so fragst, natürlich am liebsten nächste Woche. Das ist ja immer ein sehr spannender Prozess, der Spaß macht, fast so wie Managerspiele am Computer, nur eben mit echten Spielern. Ich schaue viele Videos, telefoniere viel und sitze auch meist nächtelang um Jungs zu sichten, die zum Team passen könnten. Auch wenn mir das extremst viel Spaß macht, will man ja auch irgendwann wieder Trainer sein. Da musst du dir die Frage stellen: Wie will ich spielen und wie baue ich den betreffenden Spieler ein. Wir haben aktuell ein paar Abgänge zu verzeichnen und wollen das Konzept schärfen. Ich bin neu, muss vieles erst mal sehen und verstehen. Trotzdem werden wir einen Kader zusammenstellen, der in der Liga oben mitspielen kann. Wir werden sicher Zeit brauchen und die Zeit muss man sich auch nehmen und bekommen. Trotz alledem werden wir in jedes Spiel starten um es zu gewinnen.

Hast Du schon Kandidaten im Auge oder eine A-, B- oder C-Liste für Spieler die in Frage kommen könnten?

Ich verfolge was über den Sommer sowohl in der BBL als auch ProA und ProB passiert. Man hat sich ein Netzwerk aufgebaut und ich hab das auch schon aktiviert. Ich bin ja erst Ende letzter Woche in Jena angekommen und kann jetzt intensiver arbeiten. Es ist wichtig, immer den Finger auf den Puls zu legen und zu hören wie er schlägt. Wir haben unterschiedliche Kombinationen, für die wir mit verschiedenen Spielern sprechen oder mit den Agenten verhandeln. Es gibt wichtige Bausteine, die in der Planung ganz vorn dran stehen. Julius war ganz klar unsere Priorität, als Kapitän und Identifikationsfigur. Meine Erfahrung ist, dass wenn ein Dominostein fällt, sich anschließend weitere Optionen ergeben. Du brauchst einen Auslöser und Julius ist ein sehr respektierter Spieler in der Liga. Es gab schon ein paar erste Gespräche mit anderen Jungs und da kam meistens als eine der ersten Fragen: Bleibt Julius? Da merkt man schon die Wertschätzung ihm gegenüber ist. Insofern schau ich optimistisch auf die nächsten Wochen und Monate.